Leseprobe

Der achtzehnjährige Salim behauptet sich im von Kriegswirren zerschlagenen Land Catura als Dieb und Gaukler, bis ihn das Schicksal an den Hof König Gordians und zu dessen zwielichtigem Berater, dem Magier Varjo führt. Dem Mann, der ihn als Kind an die Silberminen des Reiches verkaufte, um ihn für das verloren geglaubte magische Artefakt zu bestrafen, das seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt hätte: unsichtbar zu werden. Um Varjos Macht zu brechen, muss Salim das Artefakt vor ihm finden. Doch jeder Schritt bringt ihn tiefer in ein Spiel aus Intrigen, Verrat und einer Magie, die alles verändern könnte.

1. Die Silberminen

 

Die Luft war staubig und dünn. Jeder Schritt wog schwer wie Blei. Die Temperatur im Stollen war selbst in einer Tiefe von 800 Fuß unter der Erde unerträglich heiß. Das Licht der Fackeln flackerte beständig – ein Zeichen für Sauerstoff.

Salim lehnte mit dem Rücken an der zerklüfteten Felswand. Schlieren von Schweiß und Schmutz rannen ihm über das Gesicht. Er roch die Angst des Jungen neben ihm ebenso wie seine. Sie zählten die Explosionen, um sicherzugehen, dass alle Dynamitstangen explodiert waren, die sie gesetzt hatten, bevor sie weiterarbeiteten. Die Kinder blickten leer, als hätte der Berg ihre Seelen verschluckt. Es gab keine festen Arbeitszeiten für die Minenjungen. Sie arbeiteten, bis die Aufseher der Ansicht waren, dass sie genug Material nach draußen geschafft hatten. Oft bis zu fünfzehn Stunden.

»Weiter! An die Arbeit!«, hallte Elspes Stimme von den Wänden des Stollens zu ihnen herüber. Salim stieß pfeifend seinen Atem aus und wartete, bis sein Herzschlag sich beruhigt hatte. Die Bedrohung, von Geröllmassen verschüttet zu werden und unter ihnen zu ersticken, war ihr ständiger Begleiter. Der Berg war hungrig. Salim zählte täglich die Minenarbeiter, die zur Arbeit aufbrachen und diejenigen die zurückkehrten – sie waren nie vollzählig.

In der kurzen Pause, die entstand, biss Salim ein Stück von seinem Speckbrot ab und spülte es mit einem Schluck aus dem Wasserschlauch herunter.

»Was trödelt ihr da vorne?«, donnerte die Stimme des Aufsehers.

Salims Atem beschleunigte sich wieder. Einen flüchtigen Moment hatte er die Vision, die harsche Stimme Elspes könnte die maroden Stützbalken des schmalen Stollens zum Einsturz bringen. Er wischte sich mit dem Handrücken über das schweißnasse Gesicht. Vor ihm strauchelte Boron, ein schmächtiger Junge von sechs oder sieben Jahren, und knickte unter dem Gewicht seines beladenen Korbes ein. Silberdurchzogene, faustgroße Gesteinsbrocken verteilten sich auf dem unwegsamen Boden. Noch bevor Salim seinen Korb absetzen konnte, um dem Jüngeren zu helfen, spürte er den eisernen Griff des Aufsehers im Nacken.

»Was soll das?«

»Boron ist viel zu schwach für …«, setzte Salim an und fing sich von Elspe einen Schlag gegen den Kopf ein, der ihn taumeln ließ.

»Als ich so alt war wie der Knirps, habe ich das Doppelte geschleppt«, brüstete er sich.

Salim glaubte ihm kein Wort. Diese Hände waren nur dazu geschaffen, Schläge zu verteilen oder Sprengstoffhülsen in die behauenen Nischen des Berges zu setzen. In den vier Jahren, die Salim hier festsaß, hatte er keinen einzigen Minenarbeiter mit Spitzhacke und Schaufel arbeiten sehen, der älter als zwölf war. Inzwischen hatte er selbst das Dutzend an Jahren erreicht und es stand zu befürchten, dass seine Lebenszeit bald abgelaufen war. Stoisch reichte er dem Jüngeren die Hand und half ihm wieder auf die Beine.

»Seht zu, dass ihr fertig werdet«, brummte Elspe. Ein Klumpen Koka-Blätter klatschte gegen Salims nackte Waden, die Elspe aus dem schier unerschöpflichen Vorrat seiner Mundhöhle hervorholte. Die Blätter gaben Kraft und Energie, warben die Marktfrauen an den Ständen auf dem Weg zum Stollen. Das Kauen der Pflanzen half gegen die Mutlosigkeit, erzählte man sich. Alle schworen auf die wohltuende Wirkung dieses Krauts. Salim hatte es probiert. Es schmeckte wie Gras. Kein Wunder, dass man es wieder ausspuckte. Aber wenn die Angst vor der Nacht und dem nächsten Tag übermächtig wurden, brühte er sich aus den Blättern einen Tee auf. So waren sie wenigstens genießbar, schmeckten frisch und leicht süßlich.

»Danke«, hauchte Boron kraftlos. Als Elspe an ihnen vorbei in dem nächsten Gang gestapft war, nahm Salim eine Fackel aus der Halterung und drückte sie Boron in die Hände.

»Halt fest!«, wies er ihn an und klaubte die verlorenen Brocken wieder vom Boden auf.

»Mir ist schlecht«, jammerte Boron. »Es stinkt. Ich bekomme kaum Luft.« Er sah Salim aus schmutzumrahmten Augen an.

»Das geht uns allen so«, versuchte Salim ihn zu beruhigen. »Und jetzt komm weiter. Dies ist kein Ort für die Nacht.«

Sie trotteten den anderen hinterher. Den Inhalt ihrer Körbe kippten sie in die bereitstehenden Loren. Cai, ein breitschultriger Aufseher mit einem vernarbten Gesicht und schwarzen glänzenden Augen, wie polierte Ebenholz-Kugeln, vermerkte jeden abgelieferten Korb mit einem Strich auf seiner Namensliste. Am Ende des Tages bekamen die Minenjungen fleckige Belege in die geschundenen Hände gedrückt, auf denen ihre Namen und die Anzahl der Striche verzeichnet waren. Für zwei Striche erhielten sie fünf Bacs. Wenn es gut lief, schaffte man es, am Tag zehn bis zwölf Körbe zu füllen, und bekam 25 bis 30 Bacs. 100 Bacs waren einen Silber Catur Wert. Für einen Silber Catur bekam man auf dem Markt ein mageres Huhn und für drei Silber Catur ein Messer auf dem Schwarzmarkt …

»Schluss für heute«, verkündete Elspe. Ein neuer Aufseher, den Salim nicht kannte, nahm die verbeulten Wagen in Empfang und begleitete ihren Transport auf Schienen bis zum Ausgang. Salim würde gerne in einer der Loren sitzen, die so komfortabel nach oben rollten. Stattdessen stolperte er erschöpft mit den anderen Jungen bis zu der Seilwinde, die sie rausbrachte, wo Sauerstoff und vielleicht ein paar Sonnenstrahlen auf sie warteten.

»Gib mir deinen Zettel«, flüsterte Salim Boron zu.

»Wozu?«

»Tu es einfach!«

Der Jüngere sah sich ängstlich um und gehorchte. Als er das Papier zurückbekam, waren drei weitere Striche darauf vermerkt.

»Du warst fleißig heute«, lobte Salim und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps. Ein abgebrochener Grafitstift verschwand in einer schmutzigen Falte seines Halstuchs. Boron schenkte ihm ein seltenes Lächeln und ließ sich von Salim in die Seilschlaufe helfen, die sie zu fünft wie Trauben aneinandergepresst mit einer Seilwinde nach oben brachte. Während des Aufstiegs kreisten seine Gedanken um den geplanten Ausbruch. Er musste dieser Hölle entkommen, bevor er an einer Staublunge, den giftigen Gasen oder sonstigen lebensbedrohlichen Gefahren starb. Ein Konvoi mit Vorräten, Baumaterial und weiteren Kindern war auf dem Weg nach Abakran, zu den Silberminen. Er hatte die Wächter flüstern hören, dass es in zwei Tagen genügend Alkohol und Frischfleisch gäbe.

Seitdem war keine Minute vergangen, in der er nicht an Flucht dachte. Viel zu lange hatte er den Gedanken daran aufgeschoben, aus Angst davor, totgeprügelt zu werden. Vor sechs Monaten war ein Junge von acht oder zehn Jahren für seinen Fluchtversuch öffentlich von den Wächtern gesteinigt worden. Salim und seine Kameraden standen wie versteinert, als von dem Jungen nur ein blutiges Bündel blieb – kaum mehr ein Kind.

 

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