Leseprobe

Das Mädchen mit dem Flammenhaar – Die Rose von Kadolonné

Ehrfürchtig strich ich über die glatte Oberfläche meines Lesesteins aus geschliffenem schwarzem Onyx. Die Buchstaben flackerten leicht, bevor ein weiterer Passus aus den uralten Schriften erschien. Der Stein enthielt das gesammelte Wissen einer Zeit, in der Bücher noch nach altem Papier rochen. Die Seiten an manchen Stellen vergilbt und brüchig vom Alter. Doch das war längst Geschichte. Die Schreckensherrschaft der einstigen Herren von Kandalar nahm dem Volk die Bücher im Tausch gegen Blut.        

Das ich über diesen einzigartigen Fundus verfügte, verdankte ich dem Mut meines Vaters, der den Lesestein stahl, um ihn unter größter Geheimhaltung an mich weiterzureichen. Wäre er von ihnen entdeckt worden, hätte es unser aller Tod bedeutet. Aber auch so brachten der Stein und das Wissen darin viel Leid über das Land. Er war wie das Leben selbst. Erzählte von Qualen und Freude, von Hass und Liebe, von der Verderbtheit der Menschen ebenso wie von dunklen Mächten. Der Lesestein beschrieb ein Stück weit auch meine Geschichte. Vergangenes und Zukunft. Man musste nur zwischen den Zeilen lesen – und ich war, was das betraf, ein wenig aus der Übung gekommen.           

Jetzt nahm ich mir vor, diesem Geschenk Rechnung zu tragen, indem ich jenes Wissen darin nicht nur zu vertiefen suchte. Nach und nach wollte ich Abschriften anfertigen lassen. Ich geriet ins Schwärmen. Oh ja, es würde wieder Bücher geben in Kandalar, die ein jeder in Händen hielt und die …

„Warum verkriechst du dich im Dunklen?“         

Ich erschrak derart, dass mir der Lesestein entglitt. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt, dass Skyler sich lautlos wie eine Feder zu bewegen vermochte.    

„Ah, du liest.“   

Das Sonnenlicht, das durch sein Eintreten ins Zimmer fiel, überstrahlte einen kurzen Augenblick die Düsternis des Raumes. Er klopfte den Staub von den Lederstiefeln und schritt energisch zu den Öllampen, um sie heller zu drehen.

„Du verdirbst dir die Augen, Avery. Warum setzt du dich nicht auf die Bank vor dem Haus? Das Licht reicht noch für mindestens eine Stunde.“        

Weil ich nachdenken muss, wollte ich sagen, behielt es aber für mich. Dabei schirmte ich meine Gedanken vor ihm ab, damit er nicht darin las, was in mir vorging. Was ich ihm mitzuteilen beabsichtigte wollte ich nicht kundtun, wenn er erschöpft von der Baustelle kam, die einmal unser neues Haus werden sollte. Ich wollte ihm einen festlich eingedeckten Tisch präsentieren. Ein verführerisches Kleid tragen, wo ich sonst nur Hosen bevorzugte, wenn ich ihm von der Neuigkeit berichtete, die bald unser Leben veränderte. 

„Hast du Geheimnisse vor mir, Montai?”, raunte er und trat näher an mich heran.  

Trotz der Gedankenabschirmung schien er wie immer in meinem Gesicht zu lesen, wie in einem offenen Buch. Nur er vermochte dies. Er zog mich in die Arme. Sein Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Erwartung, Verführung und Zweifel. Ich roch die trockene Erde, die an ihm haftete, gemischt mit Schweiß und den Strapazen des Tages. Die von der Arbeit schwieligen Hände fuhren verlangend über den dünnen Stoff meines Arbeitshemdes. 

„Willst du nicht erst ein Bad nehmen?“ Ein müder Versuch meinerseits, Zeit zu schinden.  

„Gern, wenn du das Wasser mit mir teilst?“         

Sein Atem streifte meine Wange, als er mein Haar zur Seite schob, um mir einen Kuss auf den Hals zu geben.          

„Jeder Tümpel ist klarer, als das Badewasser, das du hinterlassen wirst.“     

Ich löste mich aus der Umarmung. Gespielt streng begutachtete ich seine verdreckte Kleidung.       

„Wie du meinst. Aber später will ich was Anständiges zu Essen haben, Weib! Ich habe einen Bärenhunger.“ 

Er packte mein Kinn und presste mir einen Kuss auf die Lippen, dass mir Hören und Sehen verging.           

„Was beschäftigt dich so eingehend, Avery?“, fragte Skyler, nachdem er sich die Finger vom Fett der Dschellakeule leckte, wobei sich mir der Magen zusammenzog. Sowohl vom Geruch des Fleisches als auch vor dem, was ich ihm mitzuteilen hatte.            

„Wovor hast du Angst, Montai?“ Seine Stimme klang urplötzlich alarmiert. 

„Ich habe keine Angst. Nicht vor dir.“ Eigensinnig reckte ich das Kinn vor. „Wir bekommen ein Kind. Das heißt, Zwillinge.“           

Jetzt war es heraus. Skyler hielt in der Bewegung inne. Seine peridotgrünen Augen begannen tellergroß zu werden.    

„Zwillinge? Oh, Mem-Leschar. Was für ein Geschenk!“    

Er zog mich in die Arme, vergrub sein Gesicht in meinen Haaren und flüsterte zärtliche Worte, von denen ich kein einziges verstand bis auf das letzte: Sass-Delor – Söhne.  

„Töchter, Skyler. Wir erwarten Mädchen.“           

Er ließ mich augenblicklich los, als hätte er sich verbrannt.

„Was sagst du da? Wie kannst du das jetzt schon wissen?“ 

„Jodee meinte …“         

„Jodee? Woher weiß sie …“       

„Weil sie Heilerin ist! Weil sie es wusste, bevor ich es auch nur ahnte!“       

„Sie muss sich irren!“ Aufgebracht raufte er sich die langen Haare, dass sie ihm wie ein blauschwarzes Tuch um den Kopf herumwirbelten. Mit ausladenden Schritten stapfte er durch den Raum.         

„Und wenn nicht? Spielt das eine Rolle?“ 

Meine Stimme gefror zu Eis. Die Temperatur im Raum sank für mich merklich herab. Ich erwartete, dass er sich freute. Doch offensichtlich ließen sich die alten Muster über die Wertigkeit einer Frau in den Köpfen der Männer nicht innerhalb von wenigen Jahren ändern. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um einen ehemaligen Bowman handelte. Aber, bei den Göttern! In mir reiften die Früchte unserer Liebe heran! Da konnte er doch verdammt nochmal mehr Begeisterung zeigen!     

„Avery, ich bin Statthalter von Gullorway, erster Botschafter Kandalars und, so die Götter es wollen, bald Esch von Kandalar. Man erwartet von mir männliche Erben.“            

„Ich weiß wer und was du bist, Skyler. Schließlich bin ich nicht erst seit jener Nacht in den Höhlen von Merdoran mit dir verbunden.“          

Meine Stimme bebte vor Zorn und Enttäuschung. Nur mit größter Anstrengung konnte ich die Feuerkugeln in meiner Hand zurückhalten, die mein derzeitiger Gemütszustand hervorbrachte.   

„Wenn dir so viel daran läge, keine Töchter zu bekommen, hättest du Jodees Kapseln nicht gegen deine eigenen austauschen sollen.“ 

Ich stieß ihn fort und steuerte auf den Ausgang zu. Es wäre mir ein Leichtes gewesen, ihn an Ort und Stelle zur Bewegungslosigkeit zu verdammen, doch wollte ich nicht zu magischen Hilfsmitteln greifen. Stattdessen hob ich die Tür fast aus den Angeln, als ich sie mit voller Wucht hinter mir zuschlug. Tränen der Wut brannten mir in den Augen. Was bildete sich dieser Kerl ein? Ich war nicht sein Besitz. Nicht einmal seine Zugesprochene. In diesem Augenblick wünschte ich, ihm nie begegnet zu sein. Mühsam gegen den Wind ankämpfend, begab ich mich auf direktem Weg zu Jodee, meiner einzigen Zuflucht.  

„Hoppla! Was weht denn da für ein Sturmtief herein?“     

Bei meinem ungestümen Eintreffen in ihrem Haus rannte ich die Heilerin fast um. Zwei Köpfe kleiner als ich stellte sie kaum ein Hindernis dar.        

„Ich … er … verdammt soll er sein!“      

„Na, na, na, Liebes. Jetzt beruhige dich erstmal. Was ist denn so schlimm? Wo ist denn überhaupt Skyler?“ Sie sah an mir vorbei, als erwarte sie ihn.   

„Er ist es, der so schlimm ist. Boshaft, störrisch, hinterwäldlerisch, egoistisch, verbohrt, besitzergreifend – ein Wilder eben!“ Kraftlos sank ich auf den Stuhl, den Jodee mir wortlos unterschob. Jetzt waren wir auf gleicher Höhe.           

„Aha?“ Sie strich mir mit ihren kleinen kompakten Händen beruhigend über den Rücken, bis die Tränen versiegten, nicht aber die Flut meiner Worte.            

„Er will Söhne! Bin ich etwa seine Zuchtstute? Bestimmt er jetzt auch darüber?“ Und einer jähen Eingebung folgend: „Was hast du ihm für Kapseln gegeben?“, funkelte ich sie an.

„Wieso sollte ich Skyler welche geben? Sie waren für dich bestimmt, Avery.“          

„Mit welcher Absicht?“  

„Das habe ich dir doch gesagt. Sie sollten dich vor …“     

„Ungewolltem Kindersegen schützen“, unterbrach ich sie barsch. „Vielen Dank!“ Ich sprang auf, schüttelte ihre Hand ab. „Skyler gab mir aber eine Kräuterkugel mit den Worten Ne-me Labaschté – für immer mein, bevor er in der Höhle von Merdoran über mich herfiel wie ein …“ Ich stoppte meinen Ausbruch in dem Bewusstsein, dass ich im Begriff war, ihr mein Intimleben zu schildern. Dies ging eindeutig nur mich etwas an.    

„Das hat er gesagt?“ Sie fuhr sich nachdenklich durch die Flut geflochtener Zöpfe, die ihr dickes, krauses Haar bändigen sollten. Die darin eingearbeiteten Perlen tickten wie Holzklöppel aneinander. „Ich werde mit ihm reden!“  

Jodee war nicht nur Heilerin, sie war auch meine beste Freundin. Seit ich damals in Greenerdoor ihre Bekanntschaft schloss, vereinte uns ein unsichtbares Band. Ich wusste, wenn sie sich Skyler vornahm, durfte er sich auf etwas gefasst machen. Auf sie hörte er. Verdammt! Sollte er nicht auch meinen Worten Glauben schenken?    

„Nein. Vielen Dank. Das kläre ich mit ihm“, presste ich mühsam beherrscht hervor. „Aber nicht heute.“     

„In Ordnung. Ich bin sicher, er hat seine Worte unbedacht geäußert.“       

„Wessen Freundin bist du?“, murrte ich. Sollte sie nicht auf meiner Seite stehen?    

„Eure. Daher maße ich mir an, euch zu kennen. Ihr kommt nicht voneinander los, auch wenn Skyler dafür meint, Hilfsmittel anwenden zu müssen.“  

Schneeweiße Zähne strahlten mich entwaffnend an.         

„Ein Irrtum ist ausgeschlossen?“ 

„Wie meinst du das?“     

„Ich bekomme Mädchen?“         

„Ihr bekommt Töchter und es werden Schönheiten, wie sie Kandalar noch nicht gesehen hat.“        

„Woher willst du das so genau wissen?“   

Sie wies auf ihre Tätowierung am Arm, ein Auge, das Symbol der Seher, und sprach unumwunden weiter. „Glaube mir, Skyler wird alle Hände voll zu tun haben, die Männer von ihnen fernzuhalten.“ Ihr Lächeln wich einem herzhaften Lachen.        

„Das traue ich ihm durchaus zu“, knurrte ich. „Wahrscheinlich lässt er die Bewerber Drachen töten oder abstruse Rätsel lösen.“        

„Er wird sie lieben, Avery. Alle beide.“    

Da Skylers Stolz nicht zuließ mir nachzugehen, blieb ich über Nacht bei Jodee. Und auch über Tag ignorierte ich sein gedankliches ‚Anklopfen‘. Stattdessen widmete ich meine gesamte Aufmerksamkeit der Herstellung einer Tinktur, die offene Beine rascher heilen ließ. Ein Krankheitsmerkmal, das seit einigen Wochen nicht nur bei den älteren Menschen Gullorways auftrat. Unter ihrer Aufsicht stellte ich ein Extrakt her, dass ich mit abgekochtem Wasser im Verhältnis eins zu drei mischte, bevor ich es in Gläser abfüllte und luftdicht verschloss.  

„Hier. Nimm diese Beeren und“, sie ließ einige getrocknete Malvenblüten in den Mörser rieseln, „die hier. Du musst sie gleichmäßig zerstampfen. Die zerstoßenen Blüten der Malve ergeben einen wirksamen Tee gegen hohes Fieber. Mit ihnen lassen sich auch Ekzeme behandeln und Entzündungen jeglicher Art. Einen Bestand davon sollten wir immer im Hause haben. Mittels Kompresse auf die betreffende Körperstelle aufgetragen, heilt die Schwellung schneller ab.“           

Sie brachte ein kleines Töpfchen aus einer ihrer Kitteltaschen hervor.        

Ich sog ihre Worte auf wie ein Schwamm, begierig darauf, alles zu erlernen, was Jodee mir an Wissen übertrug.         

Als ich Skyler eher spürte, als dass ich ihn hörte, kehrte ich ihm demonstrativ den Rücken zu, gab mich weiterhin geschäftig. Dabei behielt ich eine Hand am Mörser, den ich ihm entgegenschleudern würde, sollte er auch nur ein falsches Wort sagen. Dafür müsste ich mich noch nicht einmal zu ihm umdrehen. Ich würde ihn blind treffen. 

„Avery, es …“   

Eine Tür glitt leise ins Schloss. Jodee hatte den Raum verlassen. Verräterin!            

„Ich habe zu tun.“ Meine Stimme war schneidend, als gelte es die Luft zwischen ihm und mir gewaltsam zu trennen. 

„Es tut mir leid. Ich war ein Narr.“         

„War? So schnell ändert sich kein Bowman.“       

„Du weißt, dass ich das nicht mehr bin.“ 

Vorsichtig trat er in mein Blickfeld. Seine Augen wirkten müde. Die Gesichtshaut fahl. Gut so. Offensichtlich hatte auch er eine schlaflose Nacht hinter sich. Betont langsam drehte ich mich zu ihm um.       

„Ja. Du hast es mir unmissverständlich zu verstehen gegeben. Erster Botschafter, Statthalter und bald Esch. Ich bin nur die Frau, die deine ungeliebten Töchter zur Welt bringen wird.“

„Du bist weit mehr als das, Avery. Und du bist eine Magierin, das weißt du.“          

„Und? Nützt es mir etwa? Dich verzaubert bloß die Macht, die du ausüben kannst. Ich bin nur dein Werkzeug.“       

Er sog scharf die Luft ein, sprach aber nicht dagegen. Ich kehrte ihm wieder den Rücken zu, bemüht, die aufkommenden Tränen zurückzuhalten. Verdammt. Würde das jetzt zur Gewohnheit werden?           

„Ich brauche dich, Avery. Mehr als mein Leben.“ 

Seine Stimme waberte dunkel und bedeutungsschwer durch den Raum, der mir mit einem Mal viel zu eng erschien.  

„Wozu? Du hast doch jetzt alles, was du wolltest. Bald liegt dir Kandalar zu Füßen. Du wirst schon einen Weg finden, Esch zu werden.“       

Zwei stählerne Arme umschlossen mich wie Schraubstöcke. „Ich will meine Mädchen haben. Und ich will, dass du meine Frau wirst.“           

Er hauchte mir einen Kuss aufs Haar. Aber so leicht ließ ich mich nicht besänftigen. Diesmal nicht. 

„Vielleicht will ich das aber nicht mehr.“ 

„Dann denk darüber nach.“        

Der Druck ließ nach, Skyler verschwand lautlos. So hatte ich mir seine Entschuldigung nicht vorgestellt.      

„Und? Konntet ihr euren Streit bereinigen?“        

Wie auf ein Zeichen betrat Jodee den Raum. Ein Jutesack hing über ihrer Schulter, prall gefüllt mit duftenden Kräutern, die sie unmöglich in der kurzen Zeit gesammelt haben konnte. Mir kam der Verdacht, dass sie dieses Gespräch eingefädelt hatte. Erneut flammte Zorn in mir auf, weil ich Skyler nicht dazu bewegen konnte, seine unbedachte Äußerung zurückzunehmen. 

„Verdammte Dickschädel! Alle beide.“ Mit einem übertriebenen Ächzen setzte sie den Kräutersack ab, als wöge er Tonnen.  

„Was hat er gesagt?“ Die Arme vor die mächtige Brust gekreuzt sah sie zu mir auf. 

Ich nagte an der Unterlippe. „Dass er seine Mädchen haben will und ich seine Frau werden soll. Verstehst du? Ich soll, er will. Das ist sein Hauptvokabular. Nie fragt er, was ich möchte.“ Mein Hals wurde eng, die Augen feucht. Ob die Hormone mich zu einem heulenden Etwas mutieren ließen? Ich wollte so nicht sein.      

Jodee neigte den Kopf zur Seite. Ihr Zeigefinger strich nachdenklich über ihre wulstige Oberlippe.  

„Soll ich ihn in eine pockige Kröte verwandeln?“ 

„Wenn du das für mich tun könntest, wäre ich dir auf ewig dankbar.“ Langsam löste sich die Anspannung in mir. „Aber es wäre mir lieber, er käme aus freien Stücken zu mir, anstatt immer nur Forderungen zu stellen.“ Ich griff nach meinem Sonnenhut und bewegte mich auf die Tür zu.       

„Du läufst ihm jetzt aber nicht hinterher oder?“   

„Nein. Ich brauche einen klaren Kopf und frische Luft. Benötigst du noch mehr Kräuter?“, fragte ich scheinheilig.

Jodee lachte, dass ihre beträchtliche Brust erbebte.           

„Beim besten Willen nicht.“        

Ich nicke und verließ ihr bescheidenes Haus, in dem sie lebte, Kranke behandelte und Tinkturen ansetzte, für und gegen alles Mögliche.        

Wie immer, wenn ich nachdenken musste, trugen mich die Füße zum Mukonor. Aufgrund des seit Monaten ausbleibenden Regens war sein Pegel bedenklich niedrig. Immer seltener fanden sich daher Handelsschiffe bei uns ein. Nur hin und wieder legten Flöße an, die mit dem Niedrigwasser besser zurechtkamen.   

Überhitzt suchte ich einen Schattenplatz auf. Meiner hellen Haut bekam die intensive Sonne nicht. Den Kopf in den Nacken gelegt, schaute ich zum wolkenlosen Himmel auf. Wenn es doch nur endlich Regen gäbe! Die von mir geschaffenen Bewässerungssysteme liefen bald trocken und Gullorway würde aussterben, noch bevor die Stadt sich richtig entfaltete. Die ersten Bauern gaben bereits auf, wanderten in ertragreichere Regionen ab. Sank die Einwohnerzahl wieder unter zweitausend, verloren wir die mühsam erworbenen Stadtrechte. Skyler wäre nicht länger Statthalter.        

Skyler. Der Mann brachte mich noch um den Verstand, und dennoch kam ich nicht von ihm los. Er beherrschte mein Denken und dies nicht nur im übertragenen Sinne.   

Aufkommende Übelkeit bahnte sich passenderweise ihren Weg nach oben und wrang den Inhalt meines Magens aus wie einen nassen Lappen. Sollte das jetzt die nächsten Monate so weitergehen?           

Während ich würgend und spuckend an einem Baumstamm lehnte, malte ich mir im Kopf die wildesten Szenarien aus. Wie ich meine Mädchen allein großzog, weil Skyler als Botschafter durchs Land zog oder einen anderen Vorwand fand, mir aus dem Weg zu gehen, da ich keine Sass-Delors bekam. Oder, dass sie gar nicht erst zur Welt kamen, ich im Kindbett starb. Seine Worte in den Höhlen Merdorans brannten sich mir ebenso ins Gedächtnis, wie einst das Brandmal der Bowmen auf meinem Arm.    

„Du bist die Tochter einer Magierin, einer dunklen Magierin.“      

„Und das bedeutet automatisch, dass ich auch Böses im Sinn habe oder haben werde?“      

„Du vielleicht nicht, aber dein Kind, wenn es geboren wird. Unser Kind, wenn wir jemals eines haben sollten.“        

„Sagt wer?“       

„Dein Lesestein – liest du eigentlich nie darin?“   

Vor ein paar Tagen fand ich die Passage, die Skyler zu meinen schien. Doch konnte man sie durchaus auch anders deuten.

‚Zwei Mädchen, eine jede die Kopie der anderen, ihr Antlitz den Göttern gleicht. Wenn sie erblicken das Licht der Welt, ein tödliches Tuch aus Staub und Sand der Menschheit Mantel ist‘.  

Für mich las es sich so, dass nicht die Mädchen selbst das Böse darstellten – was immer das sein mochte – sondern nur in eine Zeit hineingeboren wurden, in der dieses Ereignis stattfand. Wenn ich jedoch immer nur Teilabschnitte las, würde ich nie eine Antwort finden. Doch im Augenblick fühlte ich mich zu aufgewühlt. Ich verfügte nicht über die erforderliche Konzentration, zum Lesen einer verschlüsselten Botschaft, noch dazu, wo ich Skylers gedankliche Kontaktaufnahme abzuwehren versuchte.            

Der Nachmittagssturm nahm zu, zerrte an meinen Haaren und vertrieb die wenige Feuchtigkeit, die die Schatten des Waldes für sich aufsparten. Wie launisch doch die Natur war. Im Dschungel Greenerdoors regnete es oftmals wochenlang, was eine üppige Vegetation hervorbrachte, wohingegen Gullorway …          

„Hat man denn nirgends seine Ruhe?“, knurrte ich, aus meinen Grübeleien gerissen. Trotz des Rauschens trockener Blätter im Wind vernahm ich Skylers Schritte. Weil ich ihn hören sollte, wie ich mutmaßte.    

„Jedenfalls nicht vor mir.“          

Er schwieg. Schien nach Worten zu suchen. Wie immer in solchen Augenblicken wirkte er unbeholfen, wo er sich sonst bestens darauf verstand Reden zu halten.       

„Ist dir noch übel?“, fragte er mit flüchtigem Blick auf die verräterischen Spuren auf dem Boden.    

„Im Moment mehr denn je.“ Ich sah ihm offen ins Gesicht. Selten verletzten mich seine Worte derart, wie die Reaktion darauf, Vater von Töchtern zu werden.          

„Was erwartest du von mir, Avery? Dass ich mich vor dir in den Staub werfe?“      

Sein Brustkorb hob und senkte sich in rascher Folge vor unterdrücktem Zorn.       

„Das wäre zumindest ein Anfang!“, erwiderte ich unbeeindruckt.

Kühl nahm ich ihn ins Visier. Wartete. Dann nickte er ergeben. Galant griff er nach meiner Hand und hauchte einen Kuss darauf. Er beugte das Knie vor mir und rief inbrünstig gegen den tosenden Sturm an. 

„Ihr Götter, vergebt mir, dass ich blind war für das Glück vor meinen Augen!“      

Seine Augen sprühten geradezu Funken. Die theatralische Darbietung gelang ihm meisterlich. „Avery, kannst du mir meine unbedachten Worte verzeihen? Und falls ja, willst du meine Frau werden? Dann schwöre ich bei den Göttern und allem, was mir heilig ist, dich und unsere Kinder zu lieben und zu beschützen, vor den Dämonen dieser Welt und darüber hinaus.“ 

„Große Worte, Botschafter von Kandalar, Statthalter Gullorways. Aber bist du auch dazu bereit, wenn es Mädchen sind?“

„Gerade weil es Mädchen sind!“ Ein siegessicheres Lächeln huschte über seine Lippen.      

„So lautet meine Antwort …“, ich zählte lautlos bis zwanzig, spielte mit dem Saum meines Hemdes und richtete den Blick anschließend auf einen imaginären Punkt in die Ferne. „Ich muss es mir überlegen.“ Und fügte im Geiste hinzu: „Du verdammter Schurke.“           

„Das habe ich gehört.“   

„Das kannst du nicht gehört, sondern nur in meinen Gedanken gelesen haben.“     

„Hören sie mit?“, versuchte Skyler abzulenken und sah zu mir auf. Den Kopf horchend an meinem Bauch gepresst. 

„Wer?“, fragte ich zerstreut.        

„Unsere Zwillinge.“       

„Wohl kaum. Sie sind ja erst wenige Millimeter groß.“      

In einer fließenden Bewegung kam er wieder auf die Beine, nahm mich vorsichtig in die Arme, als sei ich aus Glas. Schweigend standen wir eine Weile einfach nur da. Ich spürte seinen aufgeregten Herzschlag durch das weiche Leder seines Hemdes, bis er mit meinem in Einklang schlug.       

„Hab Geduld mit mir, Avery“, hauchte er in mein Haar hinein. „Ich ertrage es nicht, von dir abgewiesen zu werden. Nach deiner Zeit bei den Javeérs …“ Seine letzten Worte verschluckte der Sturm.    

Ich zog den Kopf zurück, um ihm in die Augen schauen zu können.

„Als ob dich das davon abhielte, deinen Willen durchzusetzen.“

Ich suchte in seinem Gesicht nach Bestätigung meiner Worte und traf nur auf Augen, die einen Glanz enthielten, wie ich ihn nie zuvor bei ihm sah.   

„Egal wie du dich entscheidest, du machst mich zum glücklichsten Mann von Kandalar, Montai. Ich wusste es vom ersten Augenblick, als ich dich sah.“         

Seine Hände fuhren mit einer Zärtlichkeit über mein Gesicht, als wollte er sich jeden Zentimeter davon einprägen.   

„Warum vertraust du dann nicht einfach deinen Gefühlen?“

Er sah mich verständnislos an.    

„Ich weiß nicht, was du meinst, Avery.“  

„Warum hast du mir in Merdoran deine Kapseln mit den Worten ‚für immer mein’ und nicht die von Jodee gegeben?“           

Seine Hände ließen kaum merklich von meinem Gesicht ab und ergriffen meine zu Fäusten geballten Finger.           

„Weil ich Angst davor hatte, dich an jemand anderen zu verlieren.“

Seine Offenheit verblüffte mich. 

„Wer hätte das denn sein sollen? Etwa einer der uralten Javeérs?“ Mein Ton klang ruhig und bestimmt. Nie war ich seinen wahren Beweggründen näher denn in diesem zerbrechlichen Moment. 

„Und wenn es so wäre?“ Forschend sah er mich an.         

„Skyler, du hast selbst bei den Javeérs gelebt. Du hast sie gesehen. Alte Männer, die das Schicksal zwang, Jahrhunderte zu überleben. Es fällt mir schwer, dies zu glauben.“          

Er atmete tief ein.          

„Aber dennoch Männer.“           

Ein Lachen bahnte sich meinen Hals empor. Rasch wandte ich den Kopf zur Seite. War es tatsächlich möglich, dass der ach so starke Skyler tief in seinem Herzen unsicher war, was unsere Beziehung betraf? Mir die Javeérs als Nebenbuhler vorzustellen ging selbst in meinen wildesten Fantasien zu weit.

„Das war es nicht, und das weißt du verdammt genau.“    

„Nein. Du hast recht.“   

Er schob seine Hand unter mein Kinn und zwang mich ihn anzusehen.

„Ich wusste, dass ich dich für eine unbestimmte Zeit bei den Javeérs zurückließ und du mich dafür hassen würdest.“ 

„Es wäre immer noch meine Entscheidung gewesen, Skyler“, sagte ich leise.          

„Genau das bereitete mir ja Kopfschmerzen.“      

Um Zeit zu gewinnen, betrachtete ich die wogenden Äste im Sturm.          

„Warum hast du mich überhaupt noch gefragt, ob ich deine Frau werden will, wenn es für mich nie einen anderen Mann geben wird außer dir? Wo mich diese verdammte Kapsel bereits an dich bindet?“   

„Weil ich ein besitzergreifender Wilder bin?“       

Ich holte aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Verwundert rieb er sich die daraufhin rotglühende Wange. Drohend richtete ich den Zeigefinger meiner Schusshand auf ihn.       

„Aber du wirst niemals meine Gefühle kontrollieren, du Schuft!“  

Mit äußerster Vorsicht schob er die Hand beiseite, um sich aus der Schusslinie zu bringen.  

Meine Lippen begannen zu beben. „Und hör auf, in meinen Gedanken herumzuspuken! Auch ohne deine dämlichen Hilfsmittel komme ich nicht von dir los, weißt du das denn nicht?“

Ich brach in Tränen aus, bis mir Kopfschmerzen den Schädel zu spalten drohten.   

„Scht, scht, Montai.“      

Er wog mich in seinen muskulösen Armen, obwohl mir der Rotz aus der Nase lief, den ich ungerührt an seinem Hemd abstreifte.

„Es tut mir leid, Avery. Beruhige dich.“   

Mit einem Ruck riss ich mich von ihm los.           

„Und versuche nie wieder eine schwangere Frau zu beruhigen, deren Hormone total verrücktspielen. Denn ich will mich aufregen!“  

„Aha? Ja dann …“         

„Ja, ich will deine Frau werden, verdammt! Und ich will gerne glauben, dass es wirklich mein Wunsch ist.“   

„Ich danke dir, Montai.“ 

Er küsste meine immer noch bebenden Hände.    

„Aber ich will eine Heirat im engsten Kreis, für den Fall, dass du dir was Größeres ausgemalt hast.“ 

„Natürlich.“

Er nickte ergeben. Ein mühsam unterdrücktes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, bevor sich unsere Lippen trafen.