Leseprobe

Das Mädchen mit dem Flammenhaar – Die Rose von Kadolonné

 

Ehrfürchtig strich ich über die glatte Oberfläche meines Lesesteins aus geschliffenem schwarzen Onyx. Die Buchstaben flackerten leicht, bevor ein weiterer Passus aus den uralten Schriften erschien. Der Stein enthielt das gesammelte Wissen einer Zeit, in der Bücher noch nach altem Papier rochen. Die Seiten an manchen Stellen vergilbt und brüchig vom Alter. Doch das war längst Geschichte. Die Schreckensherrschaft der einstigen Herren von Kandalar nahm dem Volk die Bücher im Tausch gegen Blut.

Das ich über diesen einzigartigen Fundus verfügte, verdankte ich dem Mut meines Vaters, der den Lesestein stahl, um ihn unter größter Geheimhaltung an mich weiterzureichen. Wäre er von ihnen entdeckt worden, hätte es unser aller Tod bedeutet. Aber auch so brachte der Stein und das Wissen darin viel Leid über das Land. Er war wie das Leben selbst. Erzählte von Qualen und Freude, von Hass und Liebe, von der Verderbtheit der Menschen ebenso wie von dunklen Mächten. Der Lesestein beschrieb ein Stück weit auch meine Geschichte. Vergangenes und Zukunft. Man musste nur zwischen den Zeilen lesen – und ich war, was das betraf, ein wenigaus der Übung gekommen.

Jetzt nahm ich mir vor, diesem Geschenk Rechnung zu tragen, indem ich jenes Wissen darin nicht nur zu vertiefen suchte. Nach und nach wollte ich Abschriften anfertigen lassen. Ich geriet ins Schwärmen. Oh ja, es würde wieder Bücher geben in Kandalar, die ein jeder in Händen hielt und die …

„Warum verkriechst du dich im Dunklen?“

Ich erschrak derart, dass mir der Lesestein entglitt. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt, dass Skyler sich lautlos wie eine Feder zu bewegen vermochte.

„Ah, du liest.“

Das Sonnenlicht, das durch sein Eintreten ins Zimmer fiel, überstrahlte einen kurzen Augenblick die Düsternis des Raumes. Er klopfte den Staub von den Lederstiefeln und schritt energisch zu den Öllampen, um sie heller zu drehen.

„Du verdirbst dir die Augen, Avery. Warum setzt du dich nicht auf die Bank vor dem Haus? Das Licht reicht noch für mindestens eine Stunde.“

Weil ich nachdenken muss, wollte ich sagen, behielt es aber für mich. Dabei schirmte ich meine Gedanken vor ihm ab, damit er nicht darin las, was in mir vorging. Was ich ihm mitzuteilen beabsichtigte wollte ich nicht kundtun, wenn er erschöpft von der Baustelle kam, die einmal unser neues Haus werden sollte. Ich wollte ihm einen festlich eingedeckten Tisch präsentieren. Ein verführerisches Kleid tragen, wo ich sonst nur Hosen bevorzugte, wenn ich ihm von der Neuigkeit berichtete, die bald unser Leben veränderte.

„Hast du Geheimnisse vor mir, Montai?”, raunte er und trat näher an mich heran.

Trotz der Gedankenabschirmung schien er wie immer in meinem Gesicht zu lesen, wie in einem offenen Buch. Nur er vermochte dies. Er zog mich in die Arme. Sein Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Erwartung, Verführung und Zweifel. Ich roch die trockene Erde, die an ihm haftete, gemischt mit Schweiß und den Strapazen des Tages. Die von der Arbeit schwieligen Hände fuhren verlangend über den dünnen Stoff meines Arbeitshemdes.

„Willst du nicht erst ein Bad nehmen?“ Ein müder Versuch meinerseits, Zeit zu schinden.

„Gern, wenn du das Wasser mit mir teilst?“

Sein Atem streifte meine Wange, als er mein Haar zur Seite schob, um mir einen Kuss auf den Hals zu geben.

„Jeder Tümpel ist klarer, als das Badewasser, das du hinterlassen wirst.“

Ich löste mich aus der Umarmung. Gespielt streng begutachtete ich seine verdreckte Kleidung.

„Wie du meinst. Aber später will ich was Anständiges zu Essen haben, Weib! Ich habe einen Bärenhunger.“

Er packte mein Kinn und presste mir einen Kuss auf die Lippen, dass mir Hören und Sehen verging.

„Was beschäftigt dich so eingehend, Avery?“, fragte Skyler, nachdem er sich die Finger vom Fett der Dschellakeule leckte, wobei sich mir der Magen zusammenzog. Sowohl vom Geruch des Fleisches als auch vor dem, was ich ihm mitzuteilen hatte.

„Wovor hast du Angst, Montai?“ Seine Stimme klang urplötzlich alarmiert.

„Ich habe keine Angst. Nicht vor dir.“ Eigensinnig reckte ich das Kinn vor. „Wir bekommen ein Kind. Das heißt, Zwillinge.“

Jetzt war es heraus. Skyler hielt in der Bewegung inne. Seine peridotgrünen Augen begannen tellergroß zu werden.

„Zwillinge? Oh, Mem-Leschar. Was für ein Geschenk!“

Er zog mich in die Arme, vergrub sein Gesicht in meinen Haaren und flüsterte zärtliche Worte, von denen ich kein einziges verstand bis auf das letzte: Sass-Delor – Söhne.

„Töchter, Skyler. Wir erwarten Mädchen.“

Er ließ mich augenblicklich los, als hätte er sich verbrannt.

„Was sagst du da? Wie kannst du das jetzt schon wissen?“

„Jodee meinte …“

„Jodee? Woher weiß sie …“

„Weil sie Heilerin ist! Weil sie es wusste, bevor ich es auch nur ahnte!“

„Sie muss sichirren!“ Aufgebracht raufte er sichdie langen Haare, dass sie ihm wie ein blauschwarzes Tuch um den Kopf herumwirbelten. Mit ausladenden Schritten stapfte er durch den Raum.

„Und wenn nicht? Spielt das eine Rolle?“

Meine Stimme gefror zu Eis. Die Temperatur im Raum sank für mich merklich herab. Ich erwartete, dass er sich freute. Doch offensichtlich ließen sich die alten Muster über die Wertigkeit einer Frau in den Köpfen der Männer nicht innerhalb von wenigen Jahren ändern. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um einen ehemaligen Bowman handelte. Aber, bei den Göttern! In mir reiften die Früchte unserer Liebe heran! Da konnte er doch verdammt nochmal mehr Begeisterung zeigen!

„Avery, ich bin Statthalter von Gullorway, erster Botschafter Kandalars und, so die Götter es wollen, bald Esch von Kandalar. Man erwartet von mir männliche Erben.“

„Ich weiß wer und was du bist, Skyler. Schließlichbin ich nicht erst seit jener Nacht in den Höhlen von Merdoran mit dir verbunden.“

Meine Stimme bebte vor Zorn und Enttäuschung. Nur mit größter Anstrengung konnte ich die Feuerkugeln in meiner Hand zurückhalten, die mein derzeitiger Gemütszustand hervorbrachte.

„Wenn dir soviel daran läge, keine Töchter zu bekommen, hättest du Jodees Kapseln nicht gegen deine eigenen austauschen sollen.“

Ich stieß ihn fort und steuerte auf den Ausgang zu. Es wäre mir ein Leichtes gewesen, ihn an Ort und Stelle zur Bewegungslosigkeit zu verdammen, doch wollte ich nicht zu magischen Hilfsmitteln greifen. Stattdessen hob ich die Tür fast aus den Angeln, als ich sie mit voller Wucht hinter mir zuschlug. Tränen der Wut brannten mir in den Augen. Was bildete sich dieser Kerl ein? Ich war nicht sein Besitz. Nicht einmal seine Zugesprochene. In diesem Augenblick wünschte ich, ihm nie begegnet zu sein. Mühsam gegen den Wind ankämpfend, begab ich mich auf direktem Weg zu Jodee, meiner einzigen Zuflucht.

„Hoppla! Was weht denn da für ein Sturmtief herein?“

Bei meinem ungestümen Eintreffen in ihrem Haus rannte ich die Heilerin fast um. Zwei Köpfe kleiner als ich stellte sie kaum ein Hindernis dar.

„Ich … er … verdammt soll er sein!“

„Na, na, na, Liebes. Jetzt beruhige dich erstmal. Was ist denn so schlimm? Wo ist denn überhaupt Skyler?“ Sie sah an mir vorbei, als erwarte sie ihn.

„Er ist es, der so schlimm ist. Boshaft, störrisch, hinterwäldlerisch, egoistisch, verbohrt, besitzergreifend – ein Wilder eben!“ Kraftlos sank ich auf den Stuhl, den Jodee mir wortlos unterschob. Jetzt waren wir auf gleicher Höhe.

„Aha?“ Sie strich mir mit ihren kleinen kompakten Händen beruhigend über den Rücken, bis die Tränen versiegten, nicht aber die Flut meiner Worte.

„Er will Söhne! Bin ich etwa seine Zuchtstute? Bestimmt er jetzt auch darüber?“ Und einer jähen Eingebung folgend: „Was hast du ihm für Kapseln gegeben?“, funkelte ich sie an.

„Wieso sollte ich Skyler welche geben? Sie waren für dich bestimmt, Avery.“

„Mit welcherAbsicht?“

„Das habe ich dir doch gesagt. Sie sollten dich vor …“

„Ungewolltem Kindersegen schützen“, unterbrach ich sie barsch. „Vielen Dank!“ Ich sprang auf, schüttelte ihre Hand ab. „Skyler gab mir aber eine Kräuterkugel mit den Worten Ne-me Labaschté – für immer mein, bevor er in der Höhle von Merdoran über mich herfiel wie ein ...“ Ich stoppte meinen Ausbruch in dem Bewusstsein, dass ich im Begriff war, ihr mein Intimleben zu schildern. Dies ging eindeutig nur mich etwas an.

„Das hat er gesagt?“ Sie fuhr sich nachdenklich durch die Flut geflochtener Zöpfe, die ihr dickes, krauses Haar bändigen sollten. Die darin eingearbeiteten Perlen tickten wie Holzklöppel aneinander. „Ich werde mit ihm reden!“

Jodee war nicht nur Heilerin, sie war auch meine beste Freundin. Seit ich damals in Greenerdoor ihre Bekanntschaft schloss, vereinte uns ein unsichtbares Band. Ich wusste, wenn sie sich Skyler vornahm, durfte er sich auf etwas gefasst machen. Auf sie hörte er. Verdammt! Sollte er nicht auch meinen Worten Glauben schenken?

„Nein. Vielen Dank. Das kläre ich mit ihm“, presste ich mühsam beherrscht hervor. „Aber nicht heute.“

„In Ordnung. Ich bin sicher, er hat seine Worte unbedacht geäußert.“

„Wessen Freundin bist du?“, murrte ich. Sollte sie nicht auf meiner Seite stehen?

„Eure. Daher maße ich mir an, euch zu kennen. Ihr kommt nicht voneinander los, auchwenn Skyler dafür meint, Hilfsmittel anwenden zu müssen.“

Schneeweiße Zähne strahlten mich entwaffnend an.

„Ein Irrtum ist ausgeschlossen?“

„Wie meinst du das?“

„Ich bekomme Mädchen?“

„Ihr bekommt Töchter und es werden Schönheiten, wie sie Kandalar noch nicht gesehen hat.“

„Woher willst du das sogenau wissen?“

Sie wies auf ihre Tätowierung am Arm, ein Auge, das Symbol der Seher, und sprach unumwunden weiter. „Glaube mir, Skyler wird alle Hände voll zu tun haben, die Männer von ihnen fernzuhalten.“ Ihr Lächeln wich einem herzhaften Lachen.

„Das traue ich ihm durchaus zu“, knurrte ich. „Wahrscheinlich lässt er die Bewerber Drachen töten oder abstruse Rätsel lösen.“

„Er wird sie lieben, Avery. Alle beide.“