Leseprobe

Prolog

Er öffnete nicht gleich, als es an der Türe klingelte, obwohl er wusste, dass sie davor stand. Sie war zu ihm zurück gekommen. Trotz allem.

„Neue Haarfarbe?“ Dunkel stand ihr besser. Sie hätte aber auch rote oder braune Haare haben können, kurz oder lang. Sie sah immer perfekt aus. „Leider bekomme ich gleich noch Besuch, also“ –

Es gefiel ihm, sie warten zu lassen, sie draußen zu lassen, im Abstand zu seinem Leben. Ein kurzer Moment der Macht, den er sichtlich genoss. Dennoch war seine Neugier geweckt. „Für mich?“ Sein Blick fiel auf das schmucke Päckchen unter ihrem Arm. Ihre Eintrittskarte, um zu ihm zurückzukommen. Warum nicht. Es war schließlich Weihnachten, das Fest der Liebe. „Darf ich?“ Seit wann musste sie das fragen? Er trat beiseite, ließ sie ein, während er ihr apartes Parfüm in sich aufsog. Betörend, doch dezent. Unauffällig. Der Duft, ihr Duft, raubte ihm den Verstand. Es war an der Zeit, Geschenke auszupacken.

 

1.     Kapitel

An diesem Montagmorgen strapazierte der klirrend kalte Winter in Minneapolis und St. Paul meine Nerven aufs Äußerste. Twin City, wie wir Einheimischen unsere Doppelstadt nennen. Aus der mit Eiskristallen marmorierten Fensterscheibe meines Arbeitszimmers konnte ich nur schemenhaft auf meine Stadt herabblicken.

Ich stellte mir vor, wie Geschäftsleute und Passanten gleichermaßen hektisch durch die zahlreichen Skyways marschierten, Verbindungswege zwischen den Bürogebäuden. Dieses kilometerlange Netz voll klimatisierter Röhren bot einen nicht mehr wegzudenkenden Schutz gegen die oftmals nordisch vorherrschende Kälte hier. Zweiundsechzig dieser so genannten Skyways verbanden zweiundfünfzig Häuserblöcke miteinander. Das entsprach einer Strecke von acht Kilometer klimageschützter Gänge zwischen den Gebäuden, hatte ich mal irgendwo gelesen.

Das digitale Außenthermometer zeigte minus neunzehn Grad an. Nichts Ungewöhnliches für Minneapolis zu dieser Jahreszeit. Verträumt betrachtete ich die herabfallenden, dicken Schneeflocken in ihrem wilden Tanz.

„Sie sehen wie Nadelkissen aus“, sagte ich laut zu mir selbst.

Ich lebte allein mit meinen Kater in einer kombinierten Bürowohnung im vierzehnten Stockwerk eines hässlichen Klotzes in der Washington Avenue, im Süden Minneapolis. Tief in meinem Inneren hatte ich stets die Hoffnung, dass eines schönen Tages etwas von der Eleganz des Nachbargebäudes, der alten ‚Spaghetti Factory’, auf meinen Büro-Wohnklotz abfärben möge.

Ich nahm einen letzten tiefen Zug meiner Zigarette, begleitet von einem nicht enden wollenden Hustenanfall, bevor ich den Glimmstängel in dem bereits übervollen Aschenbecher begrub.

„Ich muss damit aufhören, irgendwann.“

Die Selbstgespräche hatten im Laufe der Jahre zugenommen und waren eine genauso schlechte Angewohnheit von mir wie das übermäßige Rauchen.

Mit einem lauten „Plopp“ sprang mein getigerter Perserkater Dragon auf den Schreibtisch, stolzierte an mir vorbei und machte es sich schließlich im Korb für die Eingangspost bequem. Längst hatte ich es aufgegeben, ihn davon abzuhalten. Es waren ja auch kaum Papiere da, die er durcheinanderbringen konnte. Gerade mal eine Hand voll Aufträge. Der Bildschirmschoner meines Computers schleppte sich dahin und zeigte einen Endlostext „Jackie Lane – Privatdetektivin: Sorgerechtsfälle, Kaufhausdiebstahl und alles andere – außer Mord.“

Seit fast einem Jahr war ich als Privatdetektivin tätig. Meist ging es um Scheidungsfälle, Ehemänner, die ihren Unterhalt nicht zahlten oder Sprösslinge, die den neuen Lover der Mutter nicht akzeptierten und kurzerhand ausbüxten. Wie gerne hätte ich mal einen richtig spannenden Fall ganz oben auf der Eingangspost. Einen, der Kombinationsgabe und kriminalistisches Gespür erforderte.

Das Geld zur Gründung meiner neuen Existenz hatten mir meine Eltern geliehen. Ich glaube, wenn sie gewusst hätten, dass ich es für den Aufbau einer Detektei verwende, hätten sie es mir nicht zur Verfügung gestellt. Oft plagten mich Gewissensbisse, ob ich es je wieder zurückzahlen könnte.

Es war nicht so gelaufen, wie ich es mir erträumt hatte. Nichts war so geschehen, wie wir es einst planten, Norman und ich. Ich bemerkte, dass ich schon wieder auf dem besten Wege war, mich meiner winterlichen Depression hinzugeben und in Selbstmitleid zu versinken. Dennoch war es mir nicht möglich, die Gedanken auszuschalten. Vier Jahre war das jetzt her, seit Norman bei einem Polizeieinsatz ums Leben kam. Wir wollten heiraten, mit allem Drum und dran. Große Feier, Kirche, Hochzeitsreise nach St. Lucia. Wollten wir das wirklich? Ich wusste es nicht mehr, hatte die Erinnerung daran mit aller Kraft versucht zu verdrängen. Nur, nach St. Lucia wollte ich immer noch, auf jeden Fall, irgendwann mal.

Als in die Stille hinein die Türklingel schrillte, riss mich das Geräusch aus Melancholie und Tagträume, was wohl auch besser so war. Wie von der Tarantel gestochen schoss ich aus dem Bürostuhl empor und wäre fast zu Boden gestürzt, weil mein Bein eingeschlafen war. Dragon quittierte meinen abrupten Aufbruch mit einem fauchenden Satz aus dem Posteingangskorb heraus und belagerte sofort den freigewordenen, noch warmen Stuhl.

„Jaha?“, blaffte ich in die Sprechanlage hinein.

„Der Mann von der Zeitung“, zwitscherte eine spöttische Stimme.

Es war Marvin Menson. Ein treuer Freund, wohl auch mein einziger. Er arbeitete als Journalist bei der Minneapolis Village Press, einer auflagenschwachen Zeitung mit Schwerpunkt Klatsch und Tratsch aus der Nachbarschaft.

Es dauerte eine Ewigkeit bis er schließlich vor der Tür stand. Vierzehn Stockwerke sind eben kein Zuckerschlecken, wenn man unter Klaustrophobie leidet und den Fußweg wählt. In seinem rabenschwarzen Haar klebten trotz der Laufstrecke noch vereinzelt Eiskristalle, die seine eisblauen Augen auf attraktive Weise hervorhoben.

„Ich verstehe einfach nicht, warum du nicht den Aufzug benutzt.“

Ich neckte ihn gern damit. Er fand es nie witzig. Doch seine athletische Figur steckte die Strapazen mit Leichtigkeit weg. In gewohnt lockerer Art versuchte er, meine Frage zu überspielen. Wahrscheinlich war es ihm peinlich.

„Ich will halt fit bleiben.“

Mit bösem Blick erfasste ich eine kleine Pfütze, die seine Thermostiefel auf dem Laminat hinterließen. Marvin streifte sie ohne Eile ab und stellte sie auf eine Lage Zeitungspapier, auf der auch schon ein Paar Moonboots von mir standen. Auf Socken folgte er mir in den Wohnraum.

„An was arbeitest du gerade?“

Ich führte eine allumfassende Bewegung mit meinen Händen aus und wies auf den Schreibtisch, der bis auf ein paar Zettel mit Notizen, einem angebissenen Sandwich vom Frühstück und einer Rechnung im Eingangskorb leer war.

„Egal, lass alles stehen und liegen. Jetzt habe ich die Story für uns.“

Ein Revolverblatt der Konkurrenz flog auf das Pult. In fetten Lettern stand geschrieben: „Mord – wurde Sohn reicher Modezarin vergiftet?“

Ich tippte auf das Datum der Zeitung, 30. Dezember letzten Jahres.

„Gehen dir die Ideen aus oder warum wühlst du in den Archiven der Konkurrenz?“

Marvin stieß geräuschvoll einen Luftzug der Entrüstung aus.

„Ich wusste, dass du es nicht verstehen würdest, Blondie. Hast du den Fall mal weiterverfolgt?“

„Da war mal was …“

Er ließ die Augen kreisen, bis nur noch das Weiße in den Augäpfeln zu sehen war. Lässig lehnte er an meinem Schreibtisch.

„Ich helfe deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge: Der Sohn der Modezarin Pattna wurde am 29. Dezember letzten Jahres tot in seiner Penthouse Wohnung aufgefunden. Er war mit Thallium vergiftet worden, Rattengift.“

„Ich weiß, was Thallium ist. Ich verstehe bloß nicht, warum du jetzt, nach fast zwei Monaten damit ankommst.“ Verständnislos sah ich ihn an. „Warte – du, warst beim Frisör und weil man dich nicht bedient hat, hast du die Zeitung mitgehen lassen, richtig?“

Er lächelte süffisant.

„So ähnlich. Nun aber mal im Ernst. Der Fall ist bis jetzt nicht gelöst, Jackie. Und seitdem verrottet ein junges, unschuldiges Ding im ‚Carver County Jail’“. Erwartungsvoll sah er mich an. Nichts. Keine Reaktion meinerseits. „Verstehst du nicht?“ Hektisch klopfte er mit dem Zeigefinger auf den Artikel. „Der Mörder läuft noch immer frei herum. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das einer Privatdetektivin erzählen muss.“ Er machte eine wegwerfende Bewegung und schritt theatralisch durch den Raum.

„Ich habe hierfür keinen Auftrag …“

„Schon geschehen. Mrs. Orlay, die Mutter der Kleinen, wird sich mit dir in Verbindung setzen.“ Er klopfte mir aufmunternd auf die Schultern und schenkte mir ein gönnerhaftes Lächeln. „Sag einfach danke, Baby.“ Marvin sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. „So. Ich muss los. Habe noch eine Menge Arbeit vor mir.“

Dann rauschte er an mir vorbei, schlüpfte in seine Stiefel und verschwand durch die Wohnungstür. Was war das denn für ein Auftritt?

Dragon gähnte und blinzelte mich schläfrig nunmehr wieder aus dem Postkorb an. Nur minimal veränderte er seine Position für ein weiteres Schläfchen. Skeptisch griff ich nach der Zeitung, die mein Freund zurückgelassen hatte und las den Artikel intensiver. Jetzt begriff ich, was Marvin mir mit diesem Bericht sagen wollte: Ich hatte die vielleicht einmalige Chance, ein unschuldiges Leben zu retten, indem ich den tatsächlichen Mörder überführte. Ich konnte und sollte endlich handeln! Dieser Auftrag wäre die Medizin, die mir seit Jahren fehlte. Begruben die peinigenden Schuldgefühle an Normens sinnlosen Tod, gäben mir nicht mehr das Gefühl, nur hilflos zuzuschauen. Nein, hier fand ich eine Möglichkeit, gegen ein Unrecht anzugehen.

Schluss mit dem Dornröschenschlaf. Energie durchflutete mich, ließ meine Finger wie von selbst über die Computertastatur fliegen. Nach und nach öffneten sich Programme und Tabellen. Meine Arbeit begann.